Produktiver – und trotzdem schlechter?
Generative KI hat sich schneller im Arbeitsalltag etabliert als jede vergleichbare Technologie zuvor. Texte, Analysen und Präsentationen entstehen heute in einem Bruchteil der Zeit, die noch vor wenigen Jahren nötig war. Für Unternehmen und Individuen wirkt das wie ein eindeutiger Fortschritt.
Und doch häufen sich Beobachtungen, die diesem Eindruck widersprechen. Führungskräfte berichten von schnellerem Output bei gleichzeitig sinkender argumentativer Tiefe. Hochschulen stellen fest, dass Studierende formal überzeugende Arbeiten abgeben, ihre Gedankengänge jedoch kaum erläutern können. Recruiter sehen Bewerbungen, die professioneller formuliert sind – aber inhaltlich zunehmend austauschbar.
Das Problem liegt nicht in der Nutzung von KI an sich.
Es liegt im Zeitpunkt ihres Einsatzes.
Die Midjourney-Mentalität im Arbeits- und Lernkontext
In früheren Beiträgen beschreiben wir die Midjourney-Mentalität als kulturelles Muster: die Tendenz, kreative und kognitive Arbeit frühzeitig an generative Systeme zu delegieren.
Im beruflichen und akademischen Alltag lässt sich dieses Muster präzise fassen:
Die Midjourney-Mentalität beschreibt den Einsatz von KI an einer Stelle des Denkprozesses, an der eigenes Verstehen, Strukturieren und Urteilen noch nicht stattgefunden hat.
Diese Verschiebung wirkt effizient. Tatsächlich greift sie jedoch direkt in die Entwicklung zentraler Kompetenzen ein.
Kognitionspsychologische Forschung – unter anderem von Daniel Kahneman und späteren Arbeiten zur Metakognition – zeigt seit Langem, dass Urteilsfähigkeit nicht durch das Bewerten fertiger Antworten entsteht, sondern durch das Ringen mit unvollständigen, widersprüchlichen Informationen. Wer diesen Prozess regelmäßig überspringt, trainiert ihn nicht mehr.
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Denken verläuft in Phasen – KI auch
Wissensarbeit folgt keinem linearen Ablauf, sondern gliedert sich in klar unterscheidbare Phasen. Für den sinnvollen Einsatz von KI ist diese Unterscheidung entscheidend.
Phase 1: Eigenes Verstehen und Strukturieren
In dieser Phase entstehen:
- Problemdefinition
- erste Hypothesen
- Prioritäten und Annahmen
- ein mentales Modell der Situation
Diese Arbeit ist langsam und kognitiv anspruchsvoll. Sie bildet jedoch die Grundlage jeder belastbaren Entscheidung. Studien aus der Lernforschung zeigen, dass genau hier langfristige Kompetenz entsteht.
Phase 2: Konfrontation und Erweiterung
Nun geht es darum:
- Annahmen zu testen
- Gegenargumente zu prüfen
- alternative Perspektiven einzubeziehen
Hier kann KI erheblichen Mehrwert liefern – als Spiegel, als Kritiker, als Kontrast.
Phase 3: Ausformulierung und Effizienz
Erst am Ende stehen:
- sprachliche Präzisierung
- Strukturierung
- Zusammenfassung
Dies ist der Bereich, in dem generative Systeme besonders stark sind.
Die Midjourney-Mentalität setzt KI bereits in Phase 1 ein.
Professionelle Hochleistung entsteht, wenn KI ab Phase 2 genutzt wird.
Drei typische Fehlanwendungen
1. KI vor eigener Analyse
Wer den Denkprozess mit einem generierten Konzept beginnt, übernimmt implizit dessen Struktur und Gewichtung. Eigene Priorisierung findet nicht mehr statt.
Langfristig führt das zu einer Abhängigkeit von externen Denkgerüsten – ein Effekt, den auch aktuelle Studien zur „Cognitive Offloading“-Praxis beschreiben.
2. KI statt Hypothesenbildung
Ohne eigene Annahmen fehlt der Maßstab zur Bewertung von Vorschlägen. Ergebnisse werden dann nicht kritisch geprüft, sondern lediglich akzeptiert oder kosmetisch verändert.
In Organisationen zeigt sich das als sinkende Entscheidungsqualität trotz steigender Produktivität.
3. KI als Bestätigung, nicht als Herausforderung
Viele nutzen KI zur Optimierung vorhandener Texte. Wenige nutzen sie gezielt zur Infragestellung eigener Überlegungen.
Dabei zeigen Untersuchungen aus der Entscheidungsforschung, dass gerade das systematische Durchspielen von Gegenpositionen die Qualität komplexer Urteile erhöht.
Wie leistungsstarke Nutzer KI einsetzen
Interviews mit erfahrenen Wissensarbeitern – aus Beratung, Produktentwicklung und Forschung – zeigen ein konsistentes Muster:
Erst denken, dann externalisieren
Eigene Skizzen, Notizen und unvollständige Gedanken gehen der KI-Nutzung voraus.
KI als Konfrontationsinstrument
Statt nach Lösungen wird nach Schwächen, Gegenargumenten und Alternativen gefragt.
KI zur Verdichtung, nicht zur Erzeugung
Die Maschine verbessert Klarheit und Struktur, nicht die gedankliche Substanz.
Dieser Ansatz deckt sich mit Empfehlungen aus aktuellen Berichten von Institutionen wie der OECD und dem World Economic Forum, die betonen, dass KI-Kompetenz vor allem Urteilskraft voraussetzt.
Konsequenzen für Studierende und Berufseinsteiger
Für Studierende ist der richtige Einsatz von KI besonders relevant. Ihr Ziel ist nicht Output, sondern Kompetenzaufbau.
Wer KI vor dem eigenen Lösungsversuch einsetzt, beschleunigt kurzfristig – und schwächt langfristig die eigene Lernkurve. Bildungsforscher weisen zunehmend darauf hin, dass genau diese Fähigkeiten – Strukturieren, Begründen, Abwägen – von Arbeitgebern wieder stärker nachgefragt werden, gerade weil sie nicht automatisierbar sind.
Ein kurzer Selbsttest
Vor jedem KI-Einsatz lohnt eine einfache Prüfung:
- Habe ich das Problem selbst durchdrungen?
- Könnte ich einen Vorschlag sachlich verteidigen oder ablehnen?
- Nutze ich KI zur Vertiefung – oder zur Vermeidung von Denken?
Die Antworten sind oft eindeutiger, als man erwartet.

Eine kollektive Dimension
Wenn KI systematisch an der falschen Stelle eingesetzt wird, bleibt das kein individuelles Problem. Es verändert Arbeitskulturen, Ausbildungsstandards und Entscheidungsprozesse.
Produktivität steigt, während Urteilsfähigkeit erodiert.
Das ist kein technologisches Schicksal, sondern eine Frage der Praxis.
Fazit
Generative KI ist weder Bedrohung noch Heilsversprechen. Sie ist ein Werkzeug – allerdings eines, das tief in kognitive Prozesse eingreift.
Ob sie Arbeit und Lernen verbessert oder untergräbt, entscheidet sich nicht an der Technologie selbst, sondern an der Stelle, an der wir sie einsetzen. Wer den frühen, formenden Teil des Denkens bewahrt und KI gezielt zur Prüfung und Präzisierung nutzt, gewinnt an Qualität und Geschwindigkeit.
Wer diesen Teil auslagert, spart Zeit – und zahlt mit Substanz.