Wie KI die Rechtswelt verändert: Dr. Dominik Herzog über das Ende des Wissensmonopols, Karrierechancen für junge Juristen und warum Methodik wichtiger ist denn je.
Beim Beck-Bewerbertag Jura 2026 in München haben wir Dr. Dominik Herzog getroffen – Lehrstuhlbeauftragter an der LMU München und Partner bei SYLVENSTEIN Rechtsanwälte. Im Gespräch spricht er offen darüber, was Künstliche Intelligenz für den Anwaltsberuf bedeutet, welche Fähigkeiten zukünftig wirklich gefragt sind – und warum junge Juristinnen und Juristen jetzt handeln müssen.
Wie groß ist der Wandel, den du gerade erlebst – ist das ein gradueller Prozess oder wirklich ein Bruch?
Es verändert sich nicht nur ein bisschen was – es ist wirklich eine Zeitwende. In vier Jahren wird es noch Anwälte geben, aber die Frage stellt sich nicht mehr so selbstverständlich wie früher.
Du hast gesagt, das Wissensmonopol der Anwälte fällt weg. Was meinst du damit genau?
Früher hatte der Anwalt ein Monopol: Man konnte etwas behaupten und fast niemand konnte es hinterfragen, weil niemand die Mittel dazu hatte. Dieses Monopol ist jetzt weg. Das bedeutet nicht, dass man keine Methodik mehr braucht – im Gegenteil, die Methodik ist wichtiger denn je. Aber: Plötzlich muss man um jede Klausel kämpfen, muss argumentieren, warum die Klausel genau so sein muss. Jede rechtliche Auskunft wird jetzt gechallengt. Man muss sich darauf einstellen.
Wie unterschiedlich schnell kommt KI eigentlich in der Rechtspraxis an – je nachdem, ob man bei einer kleinen Kanzlei oder beim Staat arbeitet?
Bei großen Organisationen – Konzerne, Staat, Gerichte – dauert es lange. Ein Tool muss erst durch den Datenschutz, dann deployed werden, dann müssen hunderte oder tausende Mitarbeiter animiert werden, es überhaupt zu nutzen. Beispiel Sozialgericht: Eine Richterin hat mir erzählt, dass sie die BayernKI zwar haben, aber keine Falldaten eingeben dürfen – aus Datenschutzgründen. Kleine Einheiten hingegen haben gerade einen Wahnsinns-Zeitpunkt: Man kann ausprobieren, gestalten, schneller umsetzen. Nichtsdestotrotz ist die Entwicklung insgesamt rasant.
Erwischst du dich selbst mal beim Streiten mit der KI ?
Ich bin immer sehr höflich: Bitte, Danke. Aber manchmal formuliere ich im Imperativ und sage: „Stell mir kritische Fragen, zeig mir Widersprüche, zeig mir Inkonsistenzen.“ Das funktioniert sehr gut. Streiten hingegen kostet nur Zeit.
Wie sollte man als Jurastudent konkret mit KI umgehen – zum Beispiel bei einer Hausarbeit?
Nichts ist schlimmer als unkritisch alles zu übernehmen, was rausgeworfen wird. Man muss verstehen: KI ist nicht das Tool, das einem die Antworten liefert – sondern das Tool, mit dem man selbst besser wird. Bei der Hausarbeit könnte das so aussehen: Ich schreibe sie selbst, lasse sie dann von der KI prüfen. Ich sage: „Du bist jetzt der Korrektor – was würdest du anmerken?“ Wenn man das mal begriffen hat, ist es ein unfassbares Tool. Wenn ich mir in meinem Studium komplexe Bereicherungsrechtsfragen so hätte erklären lassen können, wie das heute geht…
Wie verändert KI den Einstieg in den Arbeitsmarkt für junge Juristen – was sollte man jetzt konkret tun?
Die Einstellungszahlen gehen zurück – viele Kanzleien stellen nicht mehr in dem Umfang junge Anwälte ein wie noch vor ein paar Jahren. Der Trend geht dahin, Seniors einzustellen, Leute mit Erfahrung, die KI-Outputs kritisch hinterfragen können. Für Berufseinsteiger heißt das: mehr Flexibilität zeigen. Es reicht nicht zu sagen „ich will 90.000 €, 30 Tage Urlaub, 50 % Homeoffice und meinen Hund mitnehmen.“ Man muss sich fragen: Was kann ich diesem Unternehmen, dieser Kanzlei liefern, das die nicht woanders bekommen? Ich würde mich jetzt bei jedem Unternehmen, das mich interessiert, auf allen möglichen Wegen einbringen – weil dieses Praxis-Know-how kann mir keine KI beibringen.
Was ist dein abschließender Rat an Studierende und Referendare, die jetzt gerade in der Ausbildung stecken?
Jetzt ist der falsche Zeitpunkt, um zu zögern und sich nur mit der akademischen Ausbildung zu beschäftigen. Man sollte so schnell wie möglich Praxisbezug bekommen – egal ob Student oder Referendar. Wenn man mal drin ist, ist man erst mal drin. Aber reinzukommen wird zunehmend schwieriger. Also: jetzt die Chance nutzen.
Auszug aus dem Interview beim Beck-Bewerbertag Jura 2026, München.