Während generative KI für Millionen zum kognitiven Co-Piloten wird, könnten die ersten Opfer dieser wachsenden Abhängigkeit unsere Aufmerksamkeit, Originalität und demokratische Widerstandsfähigkeit sein.
Der Tag, an dem Denken anfing optional zu werden
Über den größten Teil der Menschheitsgeschichte hinweg war Denken unvermeidlich. Wer schreiben wollte, musste sein Gedächtnis bemühen. Wer ein Problem lösen wollte, musste Ideen testen, Widersprüche aushalten und Unsicherheit ertragen. Es gab keine Abkürzung. UNsere Gedanken waren der Ort, an dem die Arbeit stattfand.
Heute ist er für Millionen das letzte Mittel, an das sie sich wenden.
Generative KI ist nicht einfach ein Werkzeug geworden. Sie ist zu einem alternativen kognitiven System geworden — einem System, das bereitsteht, einen Absatz, ein Argument, ein Bild, eine Hypothese oder eine Strategie zu liefern, lange bevor unsere eigenen neuronalen Schaltkreise aktiv werden. Das Erlebnis wirkt verführerisch: schneller, sauberer, weniger frustrierend. Doch hinter dieser Verführung steckt ein stiller Prozess des Ersetzens — eine Verlagerung des Ortes, an dem geistige Anstrengung beginnt.
Aus dieser Verschiebung entstand unter KI-Nutzern, Entwicklern und Kritikern ein Begriff: Midjourney-Mentalität. Er beschreibt die kulturelle Praxis die frühen, reibungsintensiven Phasen des Denkens an KI auszulagern. Es geht nicht nur um Technologie. Es geht darum schleichend zu vergessen, wie man einen produktiven Gedankengang überhaupt beginnt, weil man ihn einfach digital generieren kann.
Der Aufstieg des delegierten Denkens
In Gesprächen mit Lehrkräften, Beratern und Produktmanagern in Europa und den USA taucht immer wieder ein Thema auf: Menschen denken weniger als früher. Schülerinnen und Schüler reichen in Sekunden generierte Aufsätze ein und „verwischen die Spuren“. Berater entwerfen Kundenstrategien per Prompt statt durch eigene Datenanalyse. Führungskräfte verlassen sich auf KI-Zusammenfassungen, statt Berichte selbst zu lesen.
Was diese Geschichten verbindet, ist weder Betrug noch Faulheit. Es ist Gewöhnung. Sobald man weiß, dass ein System die erste Idee in einem Bruchteil der Zeit liefern kann, schwächt sich der eigene Impuls zur Ideengenerierung. Man wärmt den Motor nicht mehr auf — weil etwas anderes bereits in der Einfahrt steht und sofort anspringt.
Diese Gewöhnung ist der Kern der Midjourney-Mentalität. Sie beginnt harmlos: „Ich brainstorme nur ein bisschen.“ Dann wird sie zum Standard: „Den ersten Entwurf macht die KI.“ Und schließlich wird sie strukturell: „Es bringt nichts, das selbst durchzudenken.“
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Was die Wissenschaft dazu sagt: Kognitive Atrophie ist keine Metapher
Auch wenn sich dieser Wandel intuitiv anfühlt, deuten neue Forschungsarbeiten darauf hin, dass er biologisch messbar sein könnte.
Eine MIT-Studie untersuchte kürzlich die Gehirnaktivität von Versuchspersonen, die Schreibaufgaben mit und ohne ChatGPT erledigten. Wenn sich die Teilnehmenden stark auf die KI stützten, beobachteten die Forschenden geringere Aktivierung in Bereichen, die für exekutive Funktionen, Aufmerksamkeit und Konfliktüberwachung zuständig sind. Die Ergebnisse waren schneller — aber auch formelhafter. Die Versuchspersonen selbst berichteten von geringerer geistiger Beteiligung.
Parallel zeigte eine gemeinsame Untersuchung von Microsoft und der Carnegie Mellon University einen ergänzenden Trend: Menschen, die generative KI regelmäßig für Wissensarbeit nutzen, verbrachten deutlich weniger Zeit mit eigenständigem Denken, Alternativenabwägen oder Quellenprüfung. Viele beschrieben das Erlebnis als „kognitiv passiv“ oder „geistig weichgezeichnet“.
Diese Befunde beweisen keinen klinischen Abbau. Aber sie verweisen auf ein in der Psychologie gut belegtes Prinzip: Was das Gehirn nicht mehr übt, kann es mit der Zeit verlernen.
KI zerstört menschliche Intelligenz nicht — aber sie könnte unsere Bereitschaft und Fähigkeit verringern, sie einzusetzen.
Standardisierte Köpfe in einem standardisierten Medienökosystem
Nicht nur das Denken leidet. Auch die Kreativität flacht ab.
Große Sprachmodelle arbeiten, indem sie statistisch plausible Fortsetzungen von Texten vorhersagen. Das ist ihre Stärke — und ihre Begrenzung. Sie sind Maschinen der Plausibilität und Wahrscheinlichkeit, nicht der Originalität. Wenn Millionen Menschen dieselben Modelle zur Ideenfindung nutzen, verengt sich der kulturelle Output — und normiert sich.
Autorinnen sprechen von einer erkennbaren „LLM-Stimme“. Designer von einer „Midjourney-Ästhetik“. Lehrkräfte sehen Aufsätze, die weltweit austauschbar wirken: perfekte Grammatik, kein Erkenntniswert.
Emily Bender, eine der einflussreichsten Kritikerinnen von KI-Sprachsystemen, argumentiert, dass solche Modelle „den Anschein von Intelligenz erzeugen und gleichzeitig Ausdrucksweisen standardisieren.“ Sie privilegieren das Mittelmaß. Und wenn das Mittelmaß allgegenwärtig wird, fällt menschliche Originalität schwerer — und wird leichter aufgegeben.
Die Midjourney-Mentalität lagert Denken nicht nur aus. Sie standardisiert es.

Wenn delegiertes Denken zur politischen Kraft wird
Die Folgen reichen weit über Bildung oder Kreativität hinaus.
Eine Gesellschaft, die kognitive Arbeit auslagert, wird anfällig für drei politische Risiken:
1. Schrumpfende epistemische Unabhängigkeit
Wenn Menschen keine eigenen ersten Hypothesen mehr bilden, verlassen sie sich auf Systeme, die von einer kleinen Handvoll Konzernen entwickelt werden. Die Fähigkeit, Annahmen infrage zu stellen, erodiert.
2. Algorithmische Agenda-Setting
Wenn die erste Idee immer von einem Modell stammt, bestimmen diejenigen, die das Modell kontrollieren, indirekt die Grenzen öffentlichen Denkens.
3. Polarisierung durch Bequemlichkeit
KI liefert schnelle Antworten. Kritisches Denken ist langsam. Diese Asymmetrie drängt Bürgerinnen und Bürger zu einfachen Erzählungen und weg von komplexen Wahrheiten — ein Muster, das in sozialen Medien bereits zu beobachten ist.
Demokratie beruht nicht auf Intelligenz, sondern auf Beteiligung. Und Beteiligung erfordert Anstrengung.
Der Weg nach vorn: Für menschliches Denken designen, nicht nur für Effizienz
Wenn das Problem kognitive Abhängigkeit ist, lautet die Lösung nicht Abstinenz — sondern gestalterische Verantwortung.
Forschende, die sogenannte AI-Provocations untersuchen, zeigen, dass Menschen tiefer nachdenken, wenn Systeme ihnen subtile Widersprüche, alternative Perspektiven oder kritische Hinweise präsentieren. Die KI ersetzt das Denken nicht — sie kalatysiert es.
Auch leichte Reibung im Interface — kurze Verzögerungen, kleine Reflexionsfragen oder verpflichtende Quellennachweise — erhöhen nachweislich Aufmerksamkeit und Bewertung. Wer kritisches Denken belohnt, Feedback- und Optimierungsschleifen schafft und die KI während der Nutzung bewusst herausfordert, macht sie zu einem Verstärker menschlicher Kognition statt zu einem Dämpfer. Damit tragen Entwickler eine Verantwortung: diese Konzepte in Software umzusetzen, um kognitives Wachstum statt Rückschritt zu ermöglichen.
All das macht eine grundlegende Wahrheit sichtbar:
Wir brauchen nicht weniger KI.
Wir brauchen KI, die mehr von uns verlangt.
Eine Kultur, die weiß, wie man initiiert
Die Midjourney-Mentalität ist kein Schicksal. Sie ist eine Gewohnheit — und Gewohnheiten lassen sich ändern.
Dafür braucht es jedoch einen kulturellen Wandel. Wir müssen Denken nicht deshalb wertschätzen, weil es produktiv und effizient ist, sondern weil es menschlich ist. Wir müssen KI nicht als Ersatz für geistige Arbeit begreifen, sondern als Partner, der sie anregt, hinterfragt und erweitert.
Unsere Gedanken und unser Gehirn behält die Fähigkeit Tiefe, Originalität und Einsicht zu erzeugen und wahrzunehmen. Die Frage ist, ob wir diese Fähigkeiten weiter nutzen — oder sie im Schatten eines Algorithmus verkümmern lassen, der zuerst denkt, damit wir es nicht müssen.
Wenn wir eine Gesellschaft wollen, die frei denken, mutig gestalten und sinnvoll streiten kann, müssen wir die Fähigkeit bewahren, Gedanken selbst zu beginnen.